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Die Traumatisierung unter dem
transkulturellen Gesichtspunkt
Kränkung macht krank, und Krankheit kränkt.
Motto der Positiven Psychotherapie
Mikrotraumen oder die so genannten
Kleinigkeiten -
Das Drama der kleinen Verletzungen
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Psychische Störungen, so ist
die herkömmliche Ansicht, rühren von schrecklichen und erschütternden
Erlebnissen. Doch was, wenn sich in der Biografie des Betreffenden keine
solchen Ereignisse finden lassen? Oft werden solche Menschen dann zu
Hypochondern, Simulanten, Psychopathen oder gar Geisteskranken abgestempelt
- und das nicht nur von ihrer Umwelt, sondern sogar von den sie behandelnden
Ärzten oder Therapeuten.
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Um solchen Patienten gerecht zu werden, wählt die Positive Psychotherapie
einen Ansatz, der sich mit einem Beispiel aus der Neurologie
veranschaulichen lässt. So sind im Boxsport eine Anzahl von Kopftreffern oft
weit riskanter als ein einziger, wenn auch wirksamer K.O.-Schlag. Denn diese
Kopftreffer verursachen so genannte Mikrotraumen, die zu bleibenden Schäden
führen können. Ein Mikrotrauma ist im psychologischen Sinn eine einseitige,
sich ständig wiederholende Lernerfahrung. Bildlich gesprochen, erhalten wir
in unserem Leben „Kopftreffer" am laufenden Band, sei es in der Erziehung,
in der Partnerschaft oder im Beruf. Diese Mikrotraumen (oder positiv
ausgedrückt: Mikroerfahrungen) sind für die psychische Entwicklung eines
Menschen von großer Bedeutung: Sie formen schlicht und einfach seine
Gewohnheiten.
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Wenn Eltern beispielsweise ihre Kinder immer wieder zu
Pünktlichkeit, Gehorsam oder Fleiß auffordern oder deren geistige oder
körperliche Leistungen allzu einseitig betonen, dann handelt es sich dabei
um derartige Mikrotraumen. Dies ist keine Aussage gegen notwendige Maßnahmen
in der Erziehung an sich. Doch oft gehen sie mit verletzenden Elementen
einher, etwa, wenn Eltern mit Drohungen, Bestrafungen oder gar Liebesentzug
das Selbstwertgefühl ihrer Kinder mindern oder ihnen Angst machen.
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Derartige Mikrotraumen verursachen „empfindliche“ oder „schwache“ Stellen,
die ein dauernder Herd für Auseinandersetzungen sein können. Sobald ein
Partner diese Schwachstellen erkennt, egal, ob bewusst oder unbewusst,
besteht die Gefahr, dass er sie zur Zielscheibe seiner Aggressionen macht.
Jeder Konflikt, egal wie bedeutend oder nichtig der Anlass dafür ist,
bedroht daher genau denjenigen Bereich einer Persönlichkeit, der durch die
beschriebenen Mikrotraumen dafür besonders anfällig ist.
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Selbst nichtige Anlässe schaukeln sich auf diese Weise unter gewissen
Bedingungen so lange hoch, bis es „zum großen Knall“ kommt. Um ein Bild aus
der Biologie zu wählen: Eine scheinbare Lappalie ist wie eine Zelle, die
sich durch bestimmtes Verhalten so lange teilt, bis sie schließlich nicht
mehr kontrolliert werden kann. Das ist der Augenblick, in dem der bis dahin
unterschwellige Konflikt ausbricht. Konflikte, psychosoziale und
psychosomatische Störungen kommen nicht aus dem Nichts. Sie haben alle ihre
Herkunft - und irgendwann läuft das Fass dann eben über. Und so drücken wir
es in Worten aus:
„Was soll man machen? Damit muss ich mich halt abfinden.“ „Das ist doch
immer dasselbe mit ihr.“ „Lange halte ich das nicht mehr aus.“ „Ich habe es
dir schon hundertmal gesagt.“ „Das regt mich schon die ganze Zeit auf.“ Was
soll sich da noch ändern?“ „Das geht doch schon ewig so.“ „Immer wird alles
auf meinem Rücken ausgetragen.“ „Wenn ich doch nur ‚Nein’ sagen könnte!“
„Darunter leide ich schon die ganze Zeit wie ein Hund.“ „Das hat doch längst
keinen Zweck mehr.“
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Sätze wie diese zeigen, dass der Betreffende ständig in sensiblen Bereichen
von anderen - Partnern, Kollegen, Eltern - im Sinne von Mikrotraumen gereizt
wird. Es handelt sich hier um die besagten „Kopftreffer", die möglicherweise
für das Gegenüber eine Lappalie sein mögen - für den Betroffenen ist es
jedoch alles andere als das!
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In dem Begriff „Mikrotrauma“
steckt ja auch das Wort „mikro“, das im Griechischen „klein“ bedeutet.
Daraus kann man auch ableiten, dass es sich um scheinbare Lappalien handelt,
von denen Nichtbetroffene sich oft nicht erklären können, dass sie für ihre
Partner so bedeutend sein können. Wenn da vermeintlich aus einer Mücke ein
Elefant gemacht wird, wird man auch geneigt sein, „Mikrotraumen“ nicht als
hinreichende Konfliktursachen anzuerkennen. Stattdessen werden andere,
irgendwie tiefer reichende Erklärungen bemüht, werden schwierige
Konstruktionen errichtet, um dem Problem auf den Grund zu kommen. Oft genug
jedoch werden dabei die Möglichkeiten der vermeintlichen Oberfläche nur
unzulänglich ausgeschöpft. Und irgendwann schlägt die Situation um: Aus den
„Kleinigkeiten“ werden „gewichtige“ psychosoziale und psychosomatische
Konflikte.
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Neben den Mikrotraumen, den
fortwährenden „Kopftreffern“ also, gibt es natürlich auch die großen
klassischen K.O.-Schläge unseres Lebens, die so genannten „Makrotraumen“.
Doch auch diese besonders verletzenden Ereignisse, so unverhofft sie auch
kommen mögen, stehen häufig im Zusammenhang mit Einstellungen und
Erwartungen, die durch „Mikrotraumen“ geprägt sind. Erhält jemand
beispielsweise die Nachricht vom plötzlichen Tod eines ihm nahe stehenden
Menschen, so ist dies zunächst ein Makrotrauma. Wie er diese Nachricht
verarbeitet, hängt wiederum mit den Erfahrungen ab, die er mit dem
Verstorbenen gemacht hat, aber auch mit der generellen Einstellung zum Tod,
die durch Erziehung und bestimmte Ereignisse erworben wurde.
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Zusammenfassend sei gesagt:
Mikrotraumen wirken potenzierend. Die Menge der verletzenden Ereignisse -
die so genannte Quantität - schlägt um in deren psychosoziale und
psychosomatische Verarbeitung - die so genannte Qualität. Unsere
Persönlichkeit wird von Mikrotraumen geprägt. Sie zu erkennen, zu vermeiden
und entsprechend mit ihnen umzugehen, sind wesentliche Voraussetzungen
präventiver Psychotherapie.
Diese Veranstaltung ist nicht nur eine Informationsquelle,
sondern auch eine Oase der Entspannung: Verwandle große Schwierigkeiten in
kleine – und kleine in gar keine!
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