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Die Traumatisierung
unter dem transkulturellen Gesichtspunkt

Kränkung macht krank, und Krankheit kränkt.
Motto der Positiven Psychotherapie

Mikrotraumen oder die so genannten Kleinigkeiten -
Das Drama der kleinen Verletzungen

  1. Psychische Störungen, so ist die herkömmliche Ansicht, rühren von schrecklichen und erschütternden Erlebnissen. Doch was, wenn sich in der Biografie des Betreffenden keine solchen Ereignisse finden lassen? Oft werden solche Menschen dann zu Hypochondern, Simulanten, Psychopathen oder gar Geisteskranken abgestempelt - und das nicht nur von ihrer Umwelt, sondern sogar von den sie behandelnden Ärzten oder Therapeuten.

  2. Um solchen Patienten gerecht zu werden, wählt die Positive Psychotherapie einen Ansatz, der sich mit einem Beispiel aus der Neurologie veranschaulichen lässt. So sind im Boxsport eine Anzahl von Kopftreffern oft weit riskanter als ein einziger, wenn auch wirksamer K.O.-Schlag. Denn diese Kopftreffer verursachen so genannte Mikrotraumen, die zu bleibenden Schäden führen können. Ein Mikrotrauma ist im psychologischen Sinn eine einseitige, sich ständig wiederholende Lernerfahrung. Bildlich gesprochen, erhalten wir in unserem Leben „Kopftreffer" am laufenden Band, sei es in der Erziehung, in der Partnerschaft oder im Beruf. Diese Mikrotraumen (oder positiv ausgedrückt: Mikroerfahrungen) sind für die psychische Entwicklung eines Menschen von großer Bedeutung: Sie formen schlicht und einfach seine Gewohnheiten.

  3. Wenn Eltern beispielsweise ihre Kinder immer wieder zu Pünktlichkeit, Gehorsam oder Fleiß auffordern oder deren geistige oder körperliche Leistungen allzu einseitig betonen, dann handelt es sich dabei um derartige Mikrotraumen. Dies ist keine Aussage gegen notwendige Maßnahmen in der Erziehung an sich. Doch oft gehen sie mit verletzenden Elementen einher, etwa, wenn Eltern mit Drohungen, Bestrafungen oder gar Liebesentzug das Selbstwertgefühl ihrer Kinder mindern oder ihnen Angst machen.

  4. Derartige Mikrotraumen verursachen „empfindliche“ oder „schwache“ Stellen, die ein dauernder Herd für Auseinandersetzungen sein können. Sobald ein Partner diese Schwachstellen erkennt, egal, ob bewusst oder unbewusst, besteht die Gefahr, dass er sie zur Zielscheibe seiner Aggressionen macht. Jeder Konflikt, egal wie bedeutend oder nichtig der Anlass dafür ist, bedroht daher genau denjenigen Bereich einer Persönlichkeit, der durch die beschriebenen Mikrotraumen dafür besonders anfällig ist.

  5. Selbst nichtige Anlässe schaukeln sich auf diese Weise unter gewissen Bedingungen so lange hoch, bis es „zum großen Knall“ kommt. Um ein Bild aus der Biologie zu wählen: Eine scheinbare Lappalie ist wie eine Zelle, die sich durch bestimmtes Verhalten so lange teilt, bis sie schließlich nicht mehr kontrolliert werden kann. Das ist der Augenblick, in dem der bis dahin unterschwellige Konflikt ausbricht. Konflikte, psychosoziale und psychosomatische Störungen kommen nicht aus dem Nichts. Sie haben alle ihre Herkunft - und irgendwann läuft das Fass dann eben über. Und so drücken wir es in Worten aus:
    „Was soll man machen? Damit muss ich mich halt abfinden.“ „Das ist doch immer dasselbe mit ihr.“ „Lange halte ich das nicht mehr aus.“ „Ich habe es dir schon hundertmal gesagt.“ „Das regt mich schon die ganze Zeit auf.“ Was soll sich da noch ändern?“ „Das geht doch schon ewig so.“ „Immer wird alles auf meinem Rücken ausgetragen.“ „Wenn ich doch nur ‚Nein’ sagen könnte!“ „Darunter leide ich schon die ganze Zeit wie ein Hund.“ „Das hat doch längst keinen Zweck mehr.“

  6. Sätze wie diese zeigen, dass der Betreffende ständig in sensiblen Bereichen von anderen - Partnern, Kollegen, Eltern - im Sinne von Mikrotraumen gereizt wird. Es handelt sich hier um die besagten „Kopftreffer", die möglicherweise für das Gegenüber eine Lappalie sein mögen - für den Betroffenen ist es jedoch alles andere als das!

  7. In dem Begriff „Mikrotrauma“ steckt ja auch das Wort „mikro“, das im Griechischen „klein“ bedeutet. Daraus kann man auch ableiten, dass es sich um scheinbare Lappalien handelt, von denen Nichtbetroffene sich oft nicht erklären können, dass sie für ihre Partner so bedeutend sein können. Wenn da vermeintlich aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird, wird man auch geneigt sein, „Mikrotraumen“ nicht als hinreichende Konfliktursachen anzuerkennen. Stattdessen werden andere, irgendwie tiefer reichende Erklärungen bemüht, werden schwierige Konstruktionen errichtet, um dem Problem auf den Grund zu kommen. Oft genug jedoch werden dabei die Möglichkeiten der vermeintlichen Oberfläche nur unzulänglich ausgeschöpft. Und irgendwann schlägt die Situation um: Aus den „Kleinigkeiten“ werden „gewichtige“ psychosoziale und psychosomatische Konflikte.

  8. Neben den Mikrotraumen, den fortwährenden „Kopftreffern“ also, gibt es natürlich auch die großen klassischen K.O.-Schläge unseres Lebens, die so genannten „Makrotraumen“. Doch auch diese besonders verletzenden Ereignisse, so unverhofft sie auch kommen mögen, stehen häufig im Zusammenhang mit Einstellungen und Erwartungen, die durch „Mikrotraumen“ geprägt sind. Erhält jemand beispielsweise die Nachricht vom plötzlichen Tod eines ihm nahe stehenden Menschen, so ist dies zunächst ein Makrotrauma. Wie er diese Nachricht verarbeitet, hängt wiederum mit den Erfahrungen ab, die er mit dem Verstorbenen gemacht hat, aber auch mit der generellen Einstellung zum Tod, die durch Erziehung und bestimmte Ereignisse erworben wurde.

  9. Zusammenfassend sei gesagt: Mikrotraumen wirken potenzierend. Die Menge der verletzenden Ereignisse - die so genannte Quantität - schlägt um in deren psychosoziale und psychosomatische Verarbeitung - die so genannte Qualität. Unsere Persönlichkeit wird von Mikrotraumen geprägt. Sie zu erkennen, zu vermeiden und entsprechend mit ihnen umzugehen, sind wesentliche Voraussetzungen präventiver Psychotherapie.

Diese Veranstaltung ist nicht nur eine Informationsquelle, sondern auch eine Oase der Entspannung: Verwandle große Schwierigkeiten in kleine – und kleine in gar keine!

9:45 - 10:30 Uhr

Prof. h.c. Dr. med. NOSSRAT PESESCHKIAN

NOSSRAT PESESCHKIAN

 
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